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Interview: Thema "Steigende Gesundheitskosten"

Fabian Vaucher, Präsident des Schweizerischen Apothekerverbands pharmaSuisse, und Martin Bangerter, Zentralpräsident des Schweizerischen Drogistenverbands, reden über ihre Rezepte gegen steigende Gesundheitskosten.

Fabian Vaucher

Der Offizinapotheker FPH Fabian Vaucher führt seit Januar 2015 den Schweizerischen Apothekerverband pharmaSuisse. Dem Verband gehören aktuell 1400 Apotheken an. 

www.pharmasuisse.org

Martin Bangerter

Der dipl. Drogist HF Martin Bangerter ist seit 2009 Zentralpräsident des Schweizerischen Drogistenverbands SDV. 493 Drogerien in der Deutsch- und Westschweiz sind Mitglieder des Verbands.

www.drogistenverband.ch

Herr Vaucher, was machen Drogisten besonders gut?

Fabian Vaucher: Apotheken setzen vor allem ärztliche Anordnungen um. Drogerien haben ein kundenorientierteres Angebot. Davon können wir Apotheker noch viel lernen.

Und die Apotheker?

Martin Bangerter: Die Apotheken sind fokussierter auf ihre Kernkompetenz, die Arzneimittel. Was wir beide pushen müssen, sind Dienstleistungen.

Warum gibt es immer häufiger Apotheken-Drogerien?

Vaucher: Der Konsument will «one stop one shop», er will alles aus einem Geschäft. Darum der Trend zu Mischbetrieben. Deshalb sitzen wir heute hier zusammen. Wir haben beide Schwierigkeiten wegen der Frankenstärke und der sich verschlechternden Rahmenbedingungen im Detailhandel. Darum müssen wir zusammenspannen.

Bangerter: Wir beide bieten Fachberatung für die Selbstmedikation. Die ist wichtig. Sie gewährleistet die nötige Behandlungssicherheit und vermeidet gleichzeitig Gesundheitskosten.

Warum?

Bangerter: Ein Arzneimittel ohne Beratung mag billiger sein. Doch was passiert? Die Leute probieren aus. Hilft es nichts, passiert im besten Fall nichts weiter. Oft kostet es im Nachhinein wegen Nebenwirkungen, Interaktionen, Überdosierungen usw. aber zusätzlich. Mit Fachberatung kann dies meistens vermieden werden. Und jemand sollte den Kunden im richtigen Moment darauf hinweisen, dass er zum Arzt sollte.

Vaucher: Ausserdem müssen wir die Gesundheitskompetenz stärken, damit alle die Verantwortung für ihre Gesundheit übernehmen können. Dafür braucht es fachliche Begleitung. Und da sind wir beide an vorderster Front.

Viele lassen sich lieber im Internet beraten.

Vaucher: Im Internet gibt es zwar viele Informationen, der Kunde kann sie aber nicht gewichten. «Dr. Google» schlägt auch Krankheiten als mögliche Ursache vor, die vielleicht nur in 1 von 10 000 Fällen zutreffen. Wir in der Apotheke oder in der Drogerie können differenzieren und abwägen.

Bangerter: Wir können sehr individuell auf die Bedürfnisse der Kundschaft eingehen. Gerade die Komplementärmedizin bietet uns viele Möglichkeiten.

Es kommen sicher viele Kunden ins Geschäft und verlangen ein bestimmtes Produkt.

Vaucher: Oft kommen die Leute mit einer vermeintlichen Lösung. Ich nenne das die «Therapiefantasie». Bei uns Fachleuten kommt es nun darauf an herauszufinden, was wirklich das Richtige ist. Ich hatte einmal einen Kunden, der eine Kupfermatte wollte. Ich fragte, warum, und er sagte, er müsse jede Nacht x-mal aufstehen und Wasser lassen. Es zeigte sich, dass er sehr viel trank, was ein Hinweis auf Diabetes sein kann, und ich riet ihm, sich testen zu lassen, statt eine Kupfermatte zu kaufen.

Und das spart Geld?

Vaucher: Ja, er hatte Diabetes und hätte er so weitergemacht, hätte er wahrscheinlich Folgeschäden gehabt. So entlastet der Fachhandel unser aufgeblasenes Gesundheitssystem. Dass chronisch Kranke ihre Therapie nicht oder ungenau befolgen, belastet das Gesundheitswesen in der Schweiz jährlich mit 30 Milliarden Franken. Weil sie denken, sie brauchen es nicht, oder weil sie Bedenken gegenüber dem Medikament haben. Wenn diese Leute lernen, auf ihren Körper zu hören und wir individuelle Therapien finden, die sie befolgen, sparen wir enorm.

Und wie erreichen Sie das?

Vaucher: Indem wir das Verständnis der Kunden fördern.

Bangerter: Der Kunde findet in beiden Geschäften kompetente Ansprechpartner, die ihm die nötige Unterstützung und Sicherheit vermitteln können. Versteht er die Therapie, befolgt er sie auch viel besser.

Vaucher: Heute gehen viele wegen Bagatellen direkt in die Notaufnahme. Dabei wäre der ideale Ort der Fachhandel.

Bangerter: Ich rate allen: Gehen Sie zuerst in die Drogerie oder in die Apotheke. Oft sind die Erkrankungen dank Selbstmedikation gut und günstig zu behandeln.

Und wenn etwas doch gravierend ist?

Bangerter: ... dann «allez hop» zum Arzt.


Die Menschen informieren sich nicht nur im Netz, sie kaufen auch dort ein.

Vaucher: Ja, hier müssen wir über die Bücher. Der Versandhändler Zur Rose eröffnet jetzt stationäre Shops. Wa-rum tun wir nicht das Gegenteil und machen zusammen einen Onlineshop auf?

Bangerter: Wo man aber keine Arzneimittel kaufen könnte.

Vaucher: Richtig, das ist im Gesetz nicht vorgesehen. Man könnte Arzneimittel aber im Internet bestellen und in der Apotheke oder in der Drogerie abholen.

Bangerter: Das ist aber gar nicht kundenfreundlich.

Vaucher: Ja, der Service wäre bestimmt nicht derselbe.

Einkaufen im Ausland – ein Problem?

Bangerter: Viele denken, der Schweizer Händler sahne ab. Das stimmt nicht. Ein Schweizer Fachhändler kauft, auch wenn er betriebswirtschaftlich gut arbeitet, seine Ware oft fast zum gleichen Preis ein, wie diese im grenznahen Ausland den Kunden verkauft wird.

Dem Kunden ist es egal, wie viel der Händler bezahlt.

Vaucher: Immer, wenn jemand im Ausland billig einkauft, sollte er sich die Frage stellen, ob er die hohen Löhne in der Schweiz weiterhin will. Ob er die Arbeitsplätze erhalten will, ob er Lehrstellen will ...

Bangerter: ... und Sozialleistungen. Wir möchten ja nicht, dass unsere Mitarbeiter nachts noch woanders arbeiten müssen, damit sie die Miete zahlen können.

Warum muss eine Pharma-Assistentin eigentlich drei Jahre lernen und eine Drogistin vier?

Vaucher: Die Pharma-Assistentin arbeitet immer unter Aufsicht. Eine Drogistin ist viel selbstständiger.

Bangerter: Sie betreut auch ein grösseres Sortiment. Neben Heilmitteln kennt sie sich sehr gut mit Schönheits- und Sachpflegeprodukten aus und kann da ebenfalls kompetent beraten. Das widerspricht zwar dem Trend zu spezialisierteren Shops, weshalb man den Drogisten ja manchmal vorwirft, sie machten Krethi und Plethi. Es entspricht aber einem Bedürfnis. Wenn jemand nach der Party nicht nur Kopfweh hat, sondern auch einen Rotweinfleck auf dem Teppich, ist er in der Drogerie richtig. 

Vaucher: (lacht) Wie gesagt, «one stop one shop». 

Text: Bettina Epper, Bild: pixabay

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