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Medizinische Auskünfte im Internet

Die Nachfrage nach medizinischen Auskünften im Internet steigt ständig. Taugen die Auskünfte? Und machen sie Patienten mündig oder unsicher?

Diese Zahl muss man sich vor Augen führen: Täglich re­gistriert der Internet-Riese Google rund drei Milliarden Suchanfragen weltweit. Pro Sekunde tippen 35000 Menschen gleichzeitig ihre Fragen in die Suchmaske. Spannend wird es, wenn man diese Anfragen nach Themen auf­dröselt: Ein Prozent bezieht sich direkt auf Symptome, Krankheitsvermutungen, Leidensfragen. Das entspricht 350 Fragen nach Krankheiten also – pro Sekunde.

Wer fragt, erhält Antworten – und wie es in medizinischen Bereichen gehen kann, diese Antworten fallen meist vielfältiger und detaillierter aus als alle Suchbegriffe. Dreissig Millionen medizinische Antworten pro Tag bilden die neue Informationsflut. Fragt sich, ob sie als eine kühlende Wohltat die Ratlosen erreicht oder ob sie als vernichtende, weil desinformierende und irremachende Welle die Patienten in Angst und Schrecken versetzt. Können Patienten die Informationen nüchtern deuten und einordnen – oder nicht?

Operation oder Physio, das ist die Frage

In der Praxis sind beide Fälle anzutreffen – und viele dazwischen. Ein Patient berichtet von einem bevorstehenden MRI und einer drohenden Schulteroperation, die der Arzt in Aussicht gestellt habe. Mit seiner im Internet erworbenen Vorbildung habe er den Arzt indes davon weg- und auf die richtige Spur hinführen können. Zwar seien die Hinweise zunächst nicht gut angekommen, doch habe das Beharren auf der Selbstdiagnose – Muskelverletzung im Brustbereich – weder MRI noch Operation notwendig gemacht, sondern sei in eine einfache Physiotherapie gemündet. Am Ende sei auch der Arzt glücklich gewesen, erzählt der informierte Patient.

Ein anderer Arzt berichtet seinerseits von Patienten, die ihn aufsuchen würden und bereits alle Symptome mit ungeheurer Sicherheit selbst gedeutet hätten. Meist würden sie in Teilen richtig, bei der Behandlung jedoch falsch liegen. So falsch, dass aus einer für den Alterungsprozess typischen Hautveränderung bereits der todbringende Hautkrebs herausgelesen worden und Endzeitstimmung ausgebrochen sei. Gerade Patienten mit einer «hohen Selbstbeobachtungsintensität» – so der Arzt – würden zu raschen Fehlschlüssen mit dem schlimmstmöglichen Ausgang neigen. Das Internet mit seiner Informationsfülle würde verheerende Selbstdiagnosen noch verstärken, erzählt der verärgerte Arzt.


Wie gut sind medizinische Infos aus dem Internet?

Gute Ärzte ertragen Kritik

Dazwischen bewegt sich Julius Jezernicky, Inhaber der Drogerie Süess in Wädenswil. Dem verärgerten Arzt entgegnet er nüchtern: «Auch Ärzte stellen manchmal Fehl­diagnosen – gute Ärzte ertragen Kritik.» Dem besserwissenden Patienten rät er: «Bei gröberen Leiden würde ich immer eine Fachperson und damit auch einen Arzt auf­suchen und mich nicht auf Selbsttests verlassen» – egal, ob diese nun online oder in der analogen Welt erfolgen.

Eigentests übrigens existieren nicht erst seit der Erfindung des Internets. Die Sets, die Drogerien und Apotheken zum Beispiel für die Feststellung von Mängeln an Eisen oder Vitamin D führen, sind schon länger bekannt. Heute sind Symptome, wie sie zum Beispiel ein Reizdarm oder entzündliche Krankheiten hervorrufen, einfach zu deuten. Nieren- und Blasentests sind ausgereift und Alltagsgeschäft, wofür es nicht stets von Anfang an einen Arztbesuch braucht. «Da kann man wenig falsch machen», findet Julius Jezernicky. «Grundsätzlich ist es nicht verwerflich, sich vorzubilden, gerade übers Internet. Früher haben alle den Ärzten einfach alles geglaubt – jetzt sind Patienten mündiger.» Doch in Zeiten von schwer unterscheidbaren Nachrichten, kommerziellen Neuigkeiten und «Fake-News» ist es für Patienten nicht ganz simpel, online die richtigen Antworten auf die Fragen zu erlangen. Oft stehen hinter Seiten, die als Auskunftspunkte empfohlen werden, handfeste geschäftliche Interessen. Auf die einfache Anfrage: «Bauschmerzen, was tun?»,  rät «Dr. Google» in erster Linie zur Einnahme eines krampflösenden Schmerzmittels, das mit Marke und Produktfoto gezeigt wird. Was also tun? Kaufen oder weitersuchen, denken und womöglich die Drogerie, Apotheke oder den Arzt aufsuchen? Julius Jezernicky von der Drogerie Süess sagt, dass es als Patient in der Tat schwierig sei, zwischen Online-Werbung und purer Information zu unterscheiden. Er rät zu einem simplen Trick: «Websites, die Links aufführen und zum Kaufen auffordern, würde ich eher mit Zurückhaltung begegnen.»


«Websites, die Links aufführen und zum Kaufen auffordern, würde ich eher mit Zurückhaltung begegnen.»

Vertrauen und sich selber weiterbilden

«Das Informieren über Suchmaschinen findet statt. Als Arzt muss man lernen, damit umzugehen und den Patienten im Gespräch abzuholen», sagt Urs Stoffel, Mitglied des FMH-Zentralvorstandes und Departementsverantwortlicher Ambulante Versorgung und Tarife. Für ihn ist das nicht ganz neu. Er zieht einen Vergleich: Früher habe man als Patient im Dorf den Gärtner oder die Grossmutter wegen ihres Wissens über Kräuter und ihre Wirkungen gefragt, heute vertraue man eben der Suchmaschine. Die Grundfrage bleibe dieselbe: «Kann ein Patient die qualitativ extrem verschiedenen Antworten nach der Sichtung richtig gewichten und einordnen?», fragt Urs Stoffel vom Ärzteverband FMH. Die Antwort gibt er gleich selber: «In der Regel nicht. Der Arzt oder die Fachperson müssen weiterhin interpretieren, erklären und schlussfolgern.» Mit anderen Worten: Die blosse Internetrecherche ersetzt den Arztbesuch oder den Gang in die Apotheke nicht. Wie sollte sie auch? Auch das Youtube-Tutorial über das trendige Selfmade-Möbel macht aus einem kaufmännischen Angestellten nicht über Nacht einen Schreiner. Mehrjährige Ausbildungen lassen sich nicht einfach goo­glen. Deshalb lautet die Antwort auf die Frage «Soll ich Dr. Google vertrauen?»: Ob man sich im Internet oder in der realen Welt informiert – fragen Sie abschliessend Ihren Arzt oder in Ihrem Fachgeschäft. 

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