Natur-Gesund

 

Die Krux mit der Werbung

«Health Claims» heissen die Anpreisungen auf den Lebensmitteln. Kein Problem, wenn da nicht nach einer gut gemeinten Gesetzesänderung einige wirklich wohltuende Produkte das Nachsehen hätten.


© Beat Brechbühl

Wer einen Saft mit – zum Beispiel – genug Vitamin C anreichert, kann ihn seit 1. Januar als besonders gesund anpreisen. Er darf einen so genannten «Health Claim» einsetzen. Zum Beispiel so: «Fördert nachweislich die Widerstandsfähigkeit gegen Erkältungen.» Dagegen ist nichts einzuwenden. Per Anfang Jahr haben die Gesetzgeber in diesem Land das Lebensmittelgesetz nach EU-Richtlinien austariert. Dem sind ein jahrelanges Verfahren und ein politischer Prozess vorausgegangen. Ziel des Ganzen: Die Konsumenten sollen generell besser darüber informiert werden, was sie genau trinken, essen, verbrauchen – und vor allem darüber, wie das Produkt wirkt. Täuschungen sollen ausgeschlossen und die bewusste Wahl gewährleistet sein. Über 200 «Health Claims» – Sätze also, die Auskunft über Wirkstoffe und ihre Dosierung geben – sind neuerdings durch den Souverän gesetzlich verankert und vorgesehen.

Nicht alle finden das prima. Zwei Nebeneffekte sind bereits feststellbar: Es ist für Lebensmittelhersteller heute möglich, durch künstliche Zugabe von einzelnen Stoffen die gesetzlich geforderten Limiten zu überschreiten. So kann man theoretisch ein einfaches Joghurt mit einem «Health Claim» pushen. Das ist an und für sich nicht schlecht, fördert aber tendenziell nicht die angestrebte Übersichtlichkeit der Produktepaletten und erleichtert damit auch keine Wahl. Weniger bekannt ist indes eine zweite Auswirkung: Angesehene Unternehmen mit sehr gut eingeführten Marken leiden bisweilen und sind geschäftlich herausgefordert. Die Fruchtsaftherstellerin Biotta aus dem Kanton Thurgau zum Beispiel ist mit dem Phänomen konfrontiert, dass sie zwar natürliche Produkte herstellt, diese aber die nötigen Grenzwerte bei den einzelnen Stoffen nicht erreichen, die für ­einen «Health claim» notwendig wären. Theoretisch ist es möglich, dass heute ein Saft, der Vitamin C enthält, dies nicht mehr anpreisen darf, weil die Natur die gesetzlichen Grenzwerte gar nicht erreichen kann. Zum Glück kann Biotta-Geschäftsführer Clemens Rüttimann heute sagen: «Wir spüren keine negativen Auswirkungen.»

Ähnlich gespannt verfolgt die Firma Bio­-Strath AG mit ihrem 53 Jahre alten Produkt Strath die Marktentwicklung. Strath, ein bisher als «Aufbaupräparat» bekanntes natürliches Mittel, darf diese Bezeichnung nicht mehr führen. Die Technische Direktorin, Silke Winter, befürchtet, dass der Verkauf des Produktes leiden könnte. «Die Gesetzesänderung trifft uns hart, es wird Herstellern von natürlichen Produkten nicht leicht gemacht», sagt das Geschäftsleitungsmitglied. «Wir haben mehrere, vormals bewilligte  ‹claims› verloren. Schwierigkeiten sehe ich dadurch nicht bei den treuen Kunden, sondern beim Gewinnen von Neukunden.»

Gute Beratung ist gefragt

Finanziell ist die Veränderung nicht in die Geschäftsbücher gefahren, doch man weiss nie. Die Unsicherheit ist greifbar, und so überlegt sich Bio­-Strath AG seit längerem, wie man dem Problem begegnen kann. «Wir sehen es eher als Herausforderung. Das Original Präparat wird sicher unverändert auf dem Markt bleiben, hier ist die Beratung durch das Fachpersonal gefragt. Einer Weiterentwicklung, angereichert mit natürlichen Mineralien, stehen wir jedoch offen gegenüber. Schlussendlich ist es der Kunde der die Wahl trifft», sagt Silke Winter. Was also tun? Das herkömmliche, gut laufende und geschätzte Naturprodukt mit seiner ausgewogenen, natürlichen Balance verändern? Nein, das wäre zu viel des Risikos. Clemens Rüttimann von Biotta sieht ebenfalls keinen Grund, vom Bisherigen abzurücken, das sich seit 57 Jahren bewährt: «Biotta bleibt dem Grundsatz ‹Vom Feld in die Flasche, keine Zusätze› treu und verfolgt konsequent diesen Weg.» Im Gegensatz zu Wettbewerbern wird Biotta keine Hilfsstoffe wie Eisen und Mineralstoffe in die Säfte mischen. Bleibt ein weiterer Lösungsansatz. Man intensiviert indirekt die Beratung der Kundschaft und setzt auf den Support durch die Fachgeschäfte. Die fachlichen Auskünfte in den Drogerien und Apotheken gewinnen dadurch an Bedeutung.

Text: Bruno Affentranger, Bild: Beat Brechbühl