Natur-Gesund

 

Drogistin der Dromenta setzt sich für Naturpark ein

Überall im Land entstehen Naturpärke. Randregionen erhoffen sich davon einen wirtschaftlichen Aufschwung. Dieser gelingt aber nur, wenn die ganze Bevölkerung mitzieht. Wie schwierig das ist, zeigt das Beispiel des Parc Ela in Graubünden.


Bruno Salis ist ein Hüne von einem Mann mit Gesichtszügen wie aus Fels gehauen. Bivio, das letzte Dorf der Talschaft Surses ist seine Heimat. Das Dorf wirkt wie ausgestorben, man hört nur den Wind und die durchfahrenden Autos. Hier betreibt der Landwirt einen Biobauernhof.

In seiner Küche, bei Kaffee und Linzertorte, träumt Bruno Salis von einem Bivio, das nicht mehr so still ist, dass man nur den Wind hört. Er malt sich ein aufblühendes Mittelbünden aus, voller Aufbruchstimmung statt Perspektivlosigkeit, in dem die Menschen wieder Arbeit finden, und wieder Kinder geboren werden. Der Traum kann wahr werden, davon ist der Biobauer überzeugt. «Der Park wird uns eine Zukunft geben», sagt er.

Natur wird nicht mehr nur sich selbst überlassen
Die Idee für den Regionalen Naturpark Ela, der heute die beiden Talschaften Albula und Surses umfasst, entstand vor zehn Jahren. Wie soll sich die Region entwickeln? Diese Frage habe damals im Zentrum gestanden, sagt Salis, der von Anfang an im Projektteam des Parks sass und inzwischen Vorstandsmitglied des Trägervereins ist. Warum nicht aus einer Schwäche – Randregion, wenig Infrastruktur – eine Stärke machen? «Unser Kapital ist die Natur», sagt Salis. «Wir brauchen keine Grossinvestoren von aussen, damit Gäste kommen. Wir müssen das, was wir haben, anpacken und bekannt machen.» Hilfe zur Selbsthilfe – als das sieht Bruno Salis den Park.

Das ist auch der Grundsatz der neuen Pärkepolitik des Bundes. Ende 2007 ergänzte er das Naturund Heimatschutzgesetz um den Abschnitt «Pärke von nationaler Bedeutung». Damit verabschiedete sich die Schweiz von der Idee, dass in einem Park die Natur grundsätzlich sich selbst überlassen sein soll. Dies gilt heute nur noch für die Kategorie Nationalpark. Für die neuen Kategorien Regionaler Naturpark und Naturerlebnispark aber strebt man bewusst ein Zusammenspiel von Mensch und Natur an (siehe Box). Es geht nicht mehr nur um den Erhalt von Mooren oder Auen, sondern um neue Impulse für die Täler und auch um die wirtschaftliche Nutzung der Natur, etwa durch naturnahen Tourismus.

Inzwischen gibt es 19 Pärke in der Schweiz (siehe Karte). Fünf davon sind bereits in Betrieb und führen das vom Bund verliehene Parklabel. Sie werden finanziell unterstützt. 14 weitere Parks befinden sich noch im Aufbau oder stehen kurz vor der offiziellen Anerkennung, so auch der Parc Ela. Für ihn wurde im Januar das Betriebsgesuch in Bern eingereicht. Womöglich erhält der Park das Label noch diesen Sommer.

Oft sind die Parks die letzte Hoffnung für die Regionen
Die Regionen sehen in so einem Park oft ihre letzte Hoffnung. «Das öffentliche Leben in vielen unserer Gemeinden ist gefährdet», sagt Remo Fehr, Leiter des Amts für Natur und Umwelt des Kantons Graubünden. «Es existieren, ausser eines Parks, kaum Möglichkeiten, die Abwärtsspirale aufzuhalten. Deshalb unterstützt die Regierung von Graubünden auch den Parc Ela, obwohl wir alle noch nicht wissen, ob er tatsächlich etwas bringt.» Bruno Salis weiss, dass die Hoffnungen, die er und all die anderen in den Parc Ela setzen, nur in Erfüllung gehen, wenn alle mitmachen. «Der Park bietet den Rahmen, die Eigeninitiative muss von uns kommen.»

Deshalb anerkennt der Bund auch nur Pärke, die auf regionalen Initiativen beruhen und von der lokalen Bevölkerung in Gemeindeabstimmungen abgesegnet wurden. Nur: «Den meisten Leuten hier ist der Park egal», sagt Salis. «Sie bewegen sich nicht, machen nichts draus.» Es brauche einen Mentalitätswandel – weg von dieser Fixierung ausschliesslich auf den Wintertourismus, der von externen Leuten finanziert wird und Geld in die Täler bringt, ohne dass die Einheimischen einen Finger krümmen müssen.

Die Einheimischen animieren, Ideen für den Park zu entwickeln – das sei jetzt, sagt Salis, seine Aufgabe und die des Vereins. Damit der Leitsatz «Wir sind der Park!» keine hohle Floskel bleibt. Es gibt bereits die Vogelexkursion mit anschliessendem Bauernfrühstück oder die traditionelle Schafschur in Savognin, verschiedene Themenwege, auch ein Label für Produkte aus dem Ela-Gebiet gibt es. Aber, meint Salis, noch vieles mehr wäre möglich.

Savognin, ein Wohnzimmer mit alten Holzmöbeln und Specksteinofen: Will man begreifen, warum die Bevölkerung bisher zurückhaltend auf den Park reagiert, findet man hier, bei Astrid Thurner, am ehesten Antworten. Die 57-Jährige betrieb lange ihre eigene Drogerie im Dorf. Diese leitet jetzt ihr Sohn. Sie ist eine erfrischende Frau mit sportlichem Kurzhaarschnitt. Und sie kann viel erzählen über die Ängste der Einheimischen vor dem Parc Ela. Als Mitglied des Gemeindevorstands von Savognin erlebte sie die Gemeindeabstimmungen im Herbst 2010 hautnah mit. Es ging damals um die Wurst: Mindestens 15 der 21 Gemeinden mussten dem Parkvertrag zustimmen, so die Vorgabe des Bundes. Der Vorstand von Savognin empfahl damals seiner Bevölkerung ein Nein. Letztlich haben die Savogniner und weitere 18 Gemeinden – «zum Glück» – Ja gestimmt, aber es sei eine Zitterpartie gewesen, sagt Astrid Thurner. «Man fürchtete, so ein Naturpark schaffe zusätzliche gesetzliche Auflagen, die den Bau von neuen Infrastrukturen verbieten würde. Keine neuen Skilifte, Hotels, Strassen, das war unsere Angst.» Eine unbegründete Angst, der Naturpark bringt keine neuen Gesetze mit sich. Aber die Angst vor wirtschaftlichem Stillstand ist auch jetzt noch da, hat sich eingenistet in den Köpfen. «Die Skepsis ist gross», sagt Thurner.

Dieses kritische Abwarten der einheimischen Bevölkerung ist für Giatgen-Peder Fontana nichts anderes als Lethargie. Er bezweifle, ob der Park in so einer Atmosphäre seine Erneuerungskraft entfalten könne. Fontana ist ein kleiner, runder Mann, der drei Tage pro Woche als Gemeindepräsident im Bergdorf Salouf lebt und die restlichen vier Tage im Unterland seinen Geschäften nachgeht. Er ist selbständiger Unternehmensberater. Das Gespräch mit Fontana findet in Zürich statt, zwischen zwei Terminen hat er sich ein Zeitfenster freigeschaufelt. Leise, aber bestimmt erklärt er, warum er nicht an den Parc Ela glaubt.

Giatgen-Peder Fontana findet den Park herzig
Er beginnt mit der Geschichte vom Dorfhotel, das er in Salouf plant. Über 40 leer stehende Liegenschaften gibt es in dem Dorf. Fontana möchte zusammen mit einem Grossinvestor die Häuser kaufen und zu Hotelzimmern umbauen. «Die Leute wollen aber nicht verkaufen, sie wollen, wenn überhaupt, ihre Häuser lieber selbst ausbauen und vermieten, jeder für sich allein.» Mit der Folge, dass weniger Geld zur Verfügung steht, alles länger dauert, weniger professionell ist. «Das schlägt sich auf die Qualität nieder, und das wiederum auf die Zahl der Gäste», sagt Fontana.

Diese Einzelinitiativen sind in seinen Augen das Problem, und für ihn ist der Parc Ela genau das: «Ein Haufen Einzelinitiativen und Kleininvestitionen, die nicht das Niveau bieten können, das nötig wäre, um viele Gäste in die Täler zu locken.» Fontana ist einer, dem vieles in Graubünden zu klein und zu behäbig ist. Damit der Sprung nach vorne in eine bessere Zukunft gelingt, braucht es seiner Meinung nach einen grossen Wurf beziehungsweise einen Grossinvestor, «am liebsten zehn Sawiris ». Einen für einen Golfplatz, einen für ein Wellnesshotel, einen weiteren für eine Flaniermeile mit teuren Boutiquen. Er sei nicht gegen den Park, sagt der Unternehmer, er fände ihn nur «jö, herzig!», nicht gross und mutig genug, um den Aufschwung zu erreichen.

Sicher kann man sich fragen, ob Exkursionen zu balzenden Birkhühnern die Hotelbetten füllen. Andererseits gibt es Stimmen wie etwa jene von Theo Schnider, Direktor der Biosphäre Entlebuch, die vom Parkmodell mit seinem sanften Tourismus schwärmen (siehe Interview): «Unsere Region profitiert nachweisbar, durch das Reservat generieren wir jährlich zweieinhalb Millionen Franken.» Dann sagt Schnider noch etwas, das in der ganzen Diskussion um den Parc Ela untergeht: «Es braucht halt einfach Zeit.»

Texte Yvonne Staat / Bilder Paolo Dutto

Quelle: Migros Magazin www.migrosmagazin.ch/index.cfm