Die Verlockung ist gross. Noch nie war medizinisches Wissen so schnell und einfach verfügbar. Doch wie zuverlässig sind diese Antworten? Wo liegen die Chancen – und wo die Grenzen? Künstliche Intelligenz hat den Zugang zu Gesundheitsinformationen grundlegend verändert. Wer ein Symptom eingibt, erhält nicht nur eine Liste von Internetseiten, sondern oft eine verständliche Zusammenfassung mit möglichen Erklärungen. Viele Menschen schätzen diese Möglichkeit, weil sie sich dadurch besser informiert fühlen. KI kann medizinische Begriffe verständlich erklären, Untersuchungen erläutern und helfen, sich auf Gespräche mit Fachpersonen vorzubereiten. Gerade bei komplexen Themen kann dies eine wertvolle Unterstützung sein. Auch Patientinnen und Patienten, die sich auf einen Arzttermin vorbereiten möchten, nutzen KI zunehmend als Informationsquelle. Wer bereits ein Grundverständnis für seine Beschwerden entwickelt hat, kann gezieltere Fragen stellen und Behandlungsvorschläge besser nachvollziehen.
Wenn die Antwort überzeugend klingt
Die Stärke moderner KI-Systeme liegt darin, Informationen verständlich und oft sehr überzeugend zu formulieren. Genau darin liegt aber auch eine Herausforderung. Eine KI kann keine körperliche Untersuchung durchführen. Sie kann weder einen Hautausschlag direkt beurteilen noch einen Bauch abtasten oder Blutwerte interpretieren, die nicht vorliegen. Ihre Antworten beruhen auf Mustern und Wahrscheinlichkeiten, die aus grossen Datenmengen abgeleitet werden. Das bedeutet: Eine Antwort kann plausibel klingen und dennoch unvollständig oder im Einzelfall falsch sein. Rückenschmerzen können viele Ursachen haben – von einer Muskelverspannung bis zu einer ernsthaften Erkrankung. Welche Erklärung zutrifft, lässt sich meist nur durch eine fachliche Abklärung feststellen. Gesundheitliche Beschwerden sind oft komplex. Alter, Vorerkrankungen, Medikamente, Lebensstil und viele weitere Faktoren spielen eine Rolle. Diese individuelle Betrachtung kann eine KI nur begrenzt leisten.
Richtig prompten
Eine Besonderheit von KI-Systemen wird oft unterschätzt: Die Qualität der Antwort hängt wesentlich von der Qualität der Frage ab, dem sog. «Prompt» – also der Eingabe, die eine Nutzerin oder ein Nutzer macht. Wer beispielsweise lediglich schreibt: «Ich habe Bauchschmerzen. Was fehlt mir?», wird eine völlig andere Antwort erhalten als jemand, der Alter, Dauer der Beschwerden, Begleitsymptome, Vorerkrankungen und eingenommene Medikamente erwähnt. Das Problem: Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, welche Informationen medizinisch relevant sind. Eine KI kann nur mit den Angaben arbeiten, die sie erhält. Fehlen wichtige Details, können wichtige Zusammenhänge übersehen werden.
Eine Person berichtet beispielsweise über Husten und Fieber. Die KI nennt eine Erkältung oder einen grippalen Infekt als mögliche Ursache. Nicht erwähnt wurde jedoch, dass die betroffene Person kürzlich eine Fernreise unternommen hat oder unter einer chronischen Lungenerkrankung leidet. Solche Informationen können die Einschätzung wesentlich verändern. Auch die beste KI kann nur das berücksichtigen, was sie weiss.
Was eine KI nicht sehen kann
Menschen beurteilen Gesundheitsprobleme nicht nur anhand von Worten. Fachpersonen erkennen oft Hinweise, die Patientinnen und Patienten selbst nicht erwähnen: Atemnot, Blässe, Unsicherheit beim Gehen, Erschöpfung oder auffällige Hautveränderungen. Selbst wenn Bilder hochgeladen werden können, fehlt der KI meist der Gesamteindruck einer Person. Gerade dieser ist für eine zuverlässige Einschätzung oft entscheidend. Viele Beurteilungen beruhen auf Erfahrung, Beobachtung und persönlicher Untersuchung – nicht allein auf Daten.
Wenn KI falsche Sicherheit vermittelt
Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass KI-Systeme ihre Antworten oft sehr selbstsicher formulieren. Für Laien ist deshalb nicht immer erkennbar, wo gesichertes Wissen endet und wo lediglich Wahrscheinlichkeiten beschrieben werden. Besonders problematisch wird dies, wenn Menschen eine KI mehrfach konsultieren, bis sie die Antwort erhalten, die sie hören möchten. Wer beispielsweise wegen anhaltender Brustschmerzen immer wieder nachfragt und dabei Warnzeichen weglässt, erhält möglicherweise eine beruhigende Antwort, obwohl eine ärztliche Untersuchung dringend angezeigt wäre.
Neben unnötiger Sorge kann so auch eine trügerische Sicherheit entstehen: Beschwerden werden über Wochen oder Monate selbst behandelt, obwohl eine frühere Abklärung sinnvoll gewesen wäre.
Zwischen Beruhigung und Verunsicherung
Viele Menschen suchen online nach Informationen, um Sicherheit zu gewinnen. Manchmal geschieht jedoch das Gegenteil. Ein harmloses Symptom kann nach einer Internetrecherche plötzlich bedrohlich erscheinen. Wer beispielsweise wegen Müdigkeit, Kopfschmerzen oder Hautveränderungen nach möglichen Ursachen sucht, stösst oft auf lange Listen von Krankheiten. Darunter finden sich nicht selten auch seltene oder schwerwiegende Diagnosen. Besonders Menschen, die ihre Gesundheit sehr aufmerksam beobachten, können dadurch verunsichert werden. Aus einer normalen Alterserscheinung wird plötzlich ein ernsthafter Krankheitsverdacht. Die Folge sind Sorgen, die häufig nicht notwendig wären.
Umgekehrt besteht ebenfalls die Gefahr, ernsthafte Beschwerden zu unterschätzen. Wenn eine KI oder eine Internetquelle eine harmlose Erklärung liefert, können wichtige Warnsignale übersehen werden. Weder unnötige Angst noch falsche Entwarnung sind hilfreich. Deshalb sollten digitale Informationen immer als allgemeine Orientierung verstanden werden – nicht als abschliessende Beurteilung.
Gute Informationen erkennen
Eine weitere Herausforderung besteht darin, die Qualität von Gesundheitsinformationen zu beurteilen. Im Internet finden sich seriöse Fachinformationen, persönliche Erfahrungsberichte, Werbung und kommerzielle Angebote oft direkt nebeneinander. Für Laien ist es nicht immer einfach, zu erkennen, welche Inhalte unabhängig sind und welche in erster Linie dem Verkauf eines Produkts dienen. Auch KI-Systeme greifen auf Informationen aus unterschiedlichen Quellen zurück. Die Antworten werden zwar verständlich zusammengefasst, die Qualität der zugrunde liegenden Informationen kann jedoch unterschiedlich sein. Ein kritischer Blick lohnt sich deshalb immer. Besondere Vorsicht ist angebracht, wenn einfache Lösungen für komplexe Gesundheitsprobleme versprochen werden. Gesundheitliche Fragen lassen sich selten mit einer einzigen Empfehlung beantworten.
Die Rolle von Drogerien und Apotheken
Viele Beschwerden können zunächst unkompliziert abgeklärt werden. Gerade bei leichten Beschwerden oder Fragen zur Selbstmedikation sind Drogerien und Apotheken wichtige Anlaufstellen. Fachpersonen können helfen, Symptome einzuordnen, geeignete Produkte auszuwählen und zu beurteilen, ob eine ärztliche Untersuchung sinnvoll ist. Im Unterschied zu digitalen Anwendungen können sie gezielt nachfragen und die individuelle Situation berücksichtigen. Auch bei Selbsttests, beispielsweise zu bestimmten Mangelzuständen, oder bei einfachen Gesundheitsabklärungen bieten Drogerien und Apotheken eine persönliche Beratung. Sie unterstützen dabei, Ergebnisse richtig zu interpretieren und gegebenenfalls weitere Schritte einzuleiten.
KI als Helferin, nicht als Ersatz
Künstliche Intelligenz kann Informationen verständlich erklären, Fachbegriffe übersetzen und bei der Vorbereitung auf Gespräche mit Fachpersonen helfen. Die eigentliche Stärke der Gesundheitsversorgung liegt jedoch weiterhin im Zusammenspiel von Wissen, Erfahrung und persönlicher Begegnung. Medizinische Entscheidungen beruhen nicht nur auf Daten, sondern auch auf individuellen Lebensumständen, Risiken und Beobachtungen. Eine Ärztin, ein Arzt oder eine Fachperson in der Drogerie oder Apotheke kann nachfragen, untersuchen und Zusammenhänge erkennen. Genau diese menschliche Einordnung fehlt digitalen Systemen.
Das Beste aus beiden Welten
Künstliche Intelligenz bietet viele Chancen. Sie kann Gesundheitswissen zugänglicher machen, medizinische Zusammenhänge verständlich erklären und Menschen dabei unterstützen, sich aktiv mit ihrer Gesundheit auseinanderzusetzen. Wer KI nutzt, sollte deren Antworten jedoch als Ausgangspunkt verstehen – nicht als endgültige Diagnose oder Therapieempfehlung. Gesundheitsinformationen aus dem Internet können helfen, Beschwerden besser zu verstehen. Die persönliche Beurteilung sollten jedoch weiterhin qualifizierte Fachpersonen vornehmen. Oder anders gesagt: «Dr. KI» kann viele Fragen beantworten. Wenn es um Ihre persönliche Gesundheit geht, bleiben Ärztinnen, Ärzte sowie Fachpersonen in Drogerien und Apotheken die wichtigsten Ansprechpartner. Gute Gesundheitsentscheidungen entstehen dort, wo digitales Wissen und menschliche Erfahrung zusammenkommen.
KI und Prävention
Während die Menschen dank medizinischem Fortschritt länger leben, steigen die Kosten vor allem durch chronische Krankheiten. Diese könnten jedoch zu einem grossen Teil durch Prävention und gesundes Verhalten verhindert werden. Dr. Elgar Fleisch, Professor für Informations- und Technologiemanagement an der ETH Zürich und der Universität St. Gallen (HSG), sieht in der Digitalisierung und in der Anwendung von KI-Systemen den Schlüssel zu einem grundlegenden Wandel des Gesundheitswesens. Digitale Technologien wie Gesundheits-Apps, Sensoren, Telemedizin und Datenanalysen sollen Menschen dabei unterstützen, ihre Gesundheit aktiv zu steuern und Krankheiten frühzeitig zu erkennen. Gleichzeitig kann die Digitalisierung die Effizienz und die Qualität der medizinischen Versorgung verbessern, indem
sie administrative Aufwände reduziert, Diagnosen beschleunigt und den Zugang zu medizinischen Leistungen vereinfacht. Fleisch betont, dass Digitalisierung nur dann erfolgreich ist, wenn sie mit einer Neuausrichtung des Systems verbunden wird: weg von der Behandlung von Krankheiten, hin zur Förderung von Gesundheit. Eine zentrale Rolle spielen dabei Gesundheitskompetenz, integrierte Versorgung und die verantwortungsvolle Nutzung anonymisierter Gesundheitsdaten, die neue Erkenntnisse für Forschung, Prävention und personalisierte Medizin ermöglichen. Insgesamt plädiert er für ein stärker präventionsorientiertes, datenbasiertes und patientenzentriertes Gesundheitssystem.